Tierheim-Tier
Ich liebe Katzen. Ich streichle jede, die mir begegnet - oder versuche es zumindest. Wenn sie sich hochheben lässt, umso besser. Ich merke mir die Stellen, an denen ich Katzen gesehen, gestreichelt, hochgehoben habe und gehe entsprechend öfter und langsamer daran vorbei.
Aber eine eigene Katze?
Ich bin mit Katzen aufgewachsen, die erste war vor mir da und war weniger begeistert von mir als ich von ihr. Sehr viel weniger. Die nächsten beiden kamen als Brüder zu uns und “meiner” folgte mir aufs Wort. Egal wo er war, er hat geantwortet, wenn ich ihn gerufen habe und kam in der Regel so schnell wie möglich zu mir. Nicht immer, 3x war er mehr als 3 Tage unterwegs - hat sich danach beim Fressen verschluckt vor lauter miauen, schließlich musste er alles erzählen.
Und hier liegt die Krux: ich bin Freigänger gewohnt. Nicht nur das, ich finde das ist auch die einzig akzeptable Haltung für ein Raubtier wie einer Katze. Mir wurden mehrmals Mäuse vors Bett gelegt - meistens tot, manchmal lebendig. Auch wenn ich das wirklich nicht gut finde (Mäuse sind auch so süß einfach) - das ist nunmal die Natur der Katze.
“Aber… wenn sie es nicht anders kennt ist es doch ok”
Nein. Sorry to say - ich finde es nicht ok. Und ich finde es erst recht nicht gut derjenige zu sein, der einem freiheitsliebenden Tier wie einer Katze die Freiheit verwehrt. Nur weil sie es nicht kennt, heißt das nicht, dass sie es nicht gerne hätte. Sie sitzen vorm Fenster und schauen raus, man macht alles ausbruchsicher, muss sich bei gekippten Fenstern Sorgen machen, beim Balkon erst recht… Das sind doch keine Zeichen dafür, dass sie ok damit ist, weil sie es nicht kennt.
Aber… eine aus dem Tierheim. Schon älter. An die Wohnung so sehr gewöhnt, dass die Freiheit eher ein Risiko darstellen würde, weil sie nie gelernt hat, dass es Autos gibt, Hunde gibt, Keller gibt, Garagentore gibt - Gefahren gibt, tödliche und verhängnisvolle. Bäume sind auch hoch und hoch kommt man immer leichter als wieder runter. Das ist sogar für uns in den Bergen so.
So eine Katze wäre vielleicht ok für mich. Da hat das wer anderes verbockt und sie dann ins Tierheim gesteckt. Die wäre bei mir glücklich.
Das Münchner Tierheim
Ich hab also die Tierheimseite durchforstet. Wunderschöne Katzen sind dabei, Sorgentiere, solche, die schon richtig lange da sind. So eine will ich. Aber… puh, Medikamente täglich mehrmals zu festen Zeiten. Ich bin freiberuflich tätig, ich arbeite nicht mal täglich zu festen Zeiten. Das trau ich mir nicht zu.
Wenn die Medikamentenliste ausfällt, ist die Katze ausfallend - mehrmals aggressives Verhalten gezeigt, beisst aus heiterem Himmel, fühlt sich über- oder unterfordert und greift an. Wow, ich will schon ein Tier, bei dem ich das Gefühl hab, es ist glücklich bei mir - vor allem, wenn ich schon mein Problem damit habe, dass ich es einsperre. Gestaltet sich das jetzt so schwierig?
Also. Tierheim anrufen. Habt ihr eine Miez, die schon älter ist?
Eine, die nicht aggressiv ist und eine, die keine lange Medikamentenliste hat…?
Es stellt sich heraus: schwierig.
Wir gehen hin und schauen uns mal um und sprechen bei der Gelegenheit mit mehreren Mitarbeitern.
Die erste macht uns keine Hoffnung. Wenn wir eine ältere wollen, gibt es nur welche mit Problemen, die meisten wollen nicht alleine sein und sollen zu zweit vermittelt werden, bei 2 Katzen braucht man mind. 3 Katzenklos (wo sollen die alle hin?!), eine von beiden hat meistens schon Beschwerden und insgesamt wird jede Katze irgendwann Tabletten brauchen.
Spätestens hier wundert es mich: Wir hatten drei Katzen insgesamt und bei keiner brauchten wir Tabletten. Sie sind irgendwann alt und irgendwann ist es vorbei und man kann den Weg gehen, es ihnen zu erleichtern. Aber pro Monat über 100€ an Tabletten und Spritzen in so ein kleines Tier stopfen damit es noch irgendwie weiter lebt? Also ich weiß ja nicht…
Der nächste Mitarbeiter gibt sich richtig Mühe, sagt uns auch, dass er diese Entscheidung für die erste Katze voll verstehen kann, denkt alle Miezen durch, kommt auf ein paar, dann doch wieder nicht - die, die noch keine Medikamente brauchen, brauchen spezielles Futter und damit ist klar, dass es nicht lange dauert, bis auch die Medis nötig werden. Ein Pärchen frisst alles was rumliegt. Beide. Beim einen kommt´s wieder raus, bei der zweiten bleibt´s drin und musste schon raus operiert werden. Oh je.
Aber er macht uns Hoffnung: wir sollen einfach immer mal wieder auf die Seite schauen und anrufen. Das mache ich.
Zuhause ist alles schon Katzenfertig: Balkon ist vernetzt, Katzenklo steht da, Futterplatz ist festgelegt. Nur die Mieze fehlt. Ich rufe also einmal wöchentlich an und frage meine Fragen - älter, nicht aggressiv, keine lange Medi-liste… Nichts. Und wenn doch, dann schon vermittelt. Aber dann, irgendwann gibt es sie, eine Mieze. Sie braucht zwar Tabletten gegen Bluthochdruck, ist aber so verfressen, dass sie die ohne weiteres zum Futter dazu frisst. Heißt es. Ok. Füttern muss ich sie eh. Klingt nach einem winzigen Problem, dem ich mich gewachsen fühl.
Ich fahre hin.
Otilie
Das kleine Tier heißt Otilie. Sie kam als Fundtier ins Tierheim, ist vermutlich 11 Jahre alt, hat Bluthochdruck und braucht dagegen jeden Morgen eine Tablette - die sie nicht ganz so leicht frisst, wie man im ersten Gespräch gesagt hat. Und sie ist blind. Vermutlich blieb der Bluthochdruck zu lange unbehandelt, das geht auf die Organe und kann u.a. zu Blindheit führen.
Sie schnurrt und schmust sofort mit jedem, der sich nähert. Herrlich!
Das mit der Tablette wird uns nochmal genau erklärt. Die erste Mitarbeiterin, mit der ich über Ottilie gesprochen hatte war etwas arg optimistisch. Sie meinte einerseits, dass sie die Tablette super einfach verschlingt, wenn man sie ins Futter mischt. Und sie meinte, ggf. kann man die Dosis auch verringern, wenn sie ankommt und weniger gestresst ist. Der Mitarbeiter, der mir beim ersten Besuch schon am engagiertesten vorkam uns eine Katze zu vermitteln, die auch zu uns passt, meinte nun, sie ist schon etwas mäkelig das Futter betreffend. Ich kenne das, unsere erste war eine Perser-Dame, super zickig und super mäkelig. Robert kennt das nicht. Sein Haustier war ein Golden Retriever.
Aber sie ist so süß.
Wir nehmen sicherheitshalber eine haarige Decke mit, damit ich testen kann, ob ich allergisch reagiere.
Ich reagiere nicht. Also ist es entschieden. Wir wagen es! Eine blinde Katze in unserer Wohnung. Im Auto hat sie so geheult, dass ich mich darauf eingestellt hatte, sie erstmal nicht zu sehen, sie bleibt in ihrer Transportkiste und will nicht raus. Pustekuchen. Kaum hört das Autofahren auf, hört auch das heulen auf und kaum geht die Transportbox auf, kommt die Mieze raus - und bewegt sich erstaunlich souverän durch die gesamte Wohnung! Für mich überraschend: eine verschlossene Tür ist auch für eine blinde Katze interessanter als alles andere.
“Können wir sie erstmal nicht auf die Couch lassen, solange sie so haart vielleicht…?” - Ja klar, man braucht ihr das ja nur nicht zeigen!
Denkste. Wenn man zu zweit auf der Couch liegt und sich unterhält findet auch die blinde Miez den Weg nach oben. Nach unten ist schwieriger, denn sie sieht den Boden ja nicht, auf den sie springen will. Aber mittlerweile - und sie ist jetzt gerade mal eine Woche hier - springt sie von der vorsichtig gesuchten Kante der Couch ohne großes Tamtam nach unten.
Sie ist angekommen. Und sie frisst ihre Leckerli-Sticks mit eingedrückter Tablette (vier- bis acht-fach geteilt! was für eine Morgenroutine…) mal mehr mal weniger gut. Aber bisher ist jede Tablette im Tier gelandet.
I´m in love ❤️

